Mittwoch, 11. September 2019

USA – Olympic Halbinsel und Oregons Küste

nördliche Oregon-Küste bei Cannon Beach

Von Victoria in British Columbia / Kanada reisen wir am 27.8.19 per Autofähre in die USA ein. Die Einreiseprozedur findet vorm Ablegen in Victoria statt und ist ausgesprochen easy. Keine lange Warterei, kaum Fragen, das Auto wird überhaupt nicht beachtet und wir kriegen, B2-Visum sei Dank, die maximal möglichen 6 Monate Aufenthaltserlaubnis.


Gegen 21.00 Uhr legen wir in Port Angeles, Washington State / USA an, es ist grade dunkel geworden. Zügig verlassen wir die Fähre, die Frage des Zollbeamten nach „food“ beantworten wir mit „fridge is empty“ (was stimmt) – und das wars auch schon. [Inzwischen, ca 2 Wochen später, fragen wir uns schon, ob wir nicht Einreisepapiere fürs Auto hätten bekommen sollen?! Nun, wir werden sehen, was sie bei der Ausreise sagen.]

Wegen der späten Ankunft hatten wir ausnahmsweise mal einen Campingplatz vorgebucht, vorher noch fix ein paar Lebensmittel und Bier (zum Abschlaffen) kaufen, dann ca 20 Minuten Fahrt und wir sind auf dem Platz. Wir sitzen noch recht lange im Auto, trinken Bier und erholen uns von den „Aufregungen“.

Die Olympic Halbinsel ist abgelegen und schon seit ca 1938 fast vollständig Nationalpark. Es gibt dort verschiedene Klimazonen und alle möglichen endemischen Tier- und Pflanzenarten. Leider wurde auf der Halbinsel, vor ihrer Erklärung zum Nationalpark, der Primärwald fast vollständig abgeholzt. Er bestand überwiegend aus viele hundert bis tausend Jahre alten und entsprechend riesigen Sitka-Fichten, Douglasien und Hemlock-Tannen. Vereinzelte Bäume stehen noch, und wenn man die sieht, versteht man, dass die First Nations der Halbinsel dachten, dass diese Bäume eine Seele haben. [First Nations: so sagt man in Kanada zu den „Indianern“. In den USA sind es einfach „Indians“. Ich finde „First Nations“ eine gute und respektvolle Bezeichnung und werde sie deshalb weiter auch für Ureinwohner außerhalb Kanadas verwenden.]
Olympic-Halbinsel: einsame, wilde Strände 
Olympic-Halbinsel: große Seen
Olympic-Halbinsel: Rehe sieht man praktisch täglich
Olympic-Halbinsel: die namensgebenden Olympic-Mountains
Da uns mal wieder ein langes Feiertags-Wochenende „droht“ (Montag, der 2. Sept ist Labour Day; danach sind dann aber Hauptsaison und Sommer offiziell vorbei) mieten wir uns sicherheitshalber gleich für 4 Nächte auf einem Campingplatz etwas außerhalb von Port Angeles ein. Der Platz der ersten Nacht war extrem teuer; direkt billig ist der zweite auch nicht.
Da an Tag 1 tolles, klares Wetter ist – keine Selbstverständlichkeit in den Olympics – fahren wir gleich hoch in die Olympic Mountains, zur Hurricane Ridge. Wir haben einen grandiosen Blick, in der Ferne kann man sogar noch Victoria sehen. Das heißt, die Sichtweite beträgt 40 bis 50 km! Es gibt da oben neben Aussichtsterrasse und Besucherzentrum auch ein paar kürzere Wanderwege, die wir angesichts der wirklich tollen Sicht gerne unter die Füße nehmen.

Blick auf die Olympic Mountains
Schnee auch noch im Spätsommer
Blick auf die San Juan de Fuca-Strait und Port Angeles,
ganz am Horizont ist Victoria zu erahnen
Olympic Mountains
Olympic Mountains
Tag 2 führt uns in einen ganz anderen Teil des NP, nämlich in einen nördlichen Regenwald. Hier sehen wir Reste besagten Primärwaldes und von Moosen und Flechten überwucherte Bäume – fast wie ein „Märchenwald“. Danach ist es uns noch etwas zu früh; um zum CP zurück zukehren, und so fahren wir für unsere mittlerweile fast rituelle nachmittägliche Kaffeepause an einen nahegelegenen Strand.
vereinzelte Baumriesen gibt es noch 

auf gefallenen Bäumen wachsen neue....
gigantische Wurzeln... Sitka-Fichten werden bis 100 m hoch


Angesichts der Mengen an Treibholz, die da rumliegen, verschlägt es uns fast die Sprache! Wir spazieren den Strand entlang, beobachten Pelikane beim Fischen (sie sind sehr erfolgreich!) und ein Seehund schaut immer mal neugierig aus dem Wasser auf die vielen Menschen, die da rumlaufen. Das es so nördlich Pelikane gibt, war uns beiden nicht klar; wir hätten diese Vögel eher in gemäßigteren Klimazonen verortet.Später klettern wir noch ziemlich weit und für meine Verhältnisse waghalsig über riesige Felsen, um zu einigen bei Ebbe freiliegenden Tidepools zu kommen. Leider finden wir dort keine Seesterne – an den nördlichen Pazifikküsten gibt es große orange- und lilafarbene Seesterne! - aber immerhin grüne Seeanemonen.

bißchen Brennholz gefällig?
Unmengen von Treibholz

die Ebbe macht den Weg zu vielen kleinen Felsinseln frei


über Steine klettern...
... um im Tidepool grüne Seeanemonen zu sehen. Leider ließen die Lichtverhältnisse kein
besseres Foto zu.
Nachdem klar ist, dass auch die Strände sehr spektakulär sind, machen wir an Tag 3 eine Strandtour, siehe Fotos. Zur Erklärung muss man vielleicht sagen, dass die Anfahrtswege nicht unerheblich sind, 150 bis 200 km, und man kann auf den kurvigen Straßen nicht sehr schnell fahren. Es ist auch ganz allgemein viel mehr Verkehr als in Kanada.










Nächster Morgen Abreise, neues Ziel ist die Oregonküste. Ich, Ute, war da 1993 auf meiner ersten USA-Reise schon mal. Details erinnere ich nicht, nur das es toll war. Wir bringen einen langen Fahrtag hinter uns und landen per Zufall (wir hatten uns ein bißchen verfahren) am Abend in Warrenton / Oregon auf einem Campingplatz. Dieser veranstaltet just an diesem Abend sein jährliches Labour-Day-BBQ, zu dem alle Campinggäste (viele Dauercamper) eingeladen sind. Ich freue mich; mal nicht kochen! Und so gibt es 3-Gänge-Menü: erst einen Burger, dann einen Hotdog und zum Schluß noch ein Stück vom fetten Creme-Schokoladenkuchen. Jeden Tag könnten und wollten wir sowas und soviel nicht essen, aber ich glaube, diese Völlerei war unsere erste überhaupt. Zum Essen setzt sich eine Dame zu uns, und spricht uns an: sie findet Angie toll (das werden wir noch öfter hören...), ich kann ihr da nur zustimmen und wir unterhalten uns länger und sehr interessant. Sie stammt ursprünglich aus New Orleans, ist aber beizeiten nach Kalifornien abgehauen, mittlerweile in Rente und probiert jetzt mal das Camperleben in Oregon aus. Sie wirkt gebildet, ich könnte mir vorstellen, dass sie mal an einem College o.ä. unterrichtet hat. Gefragt habe ich aber nicht.

unterwegs, hübsche "Fischbude"
Hwy # 101, Brücke über die Mündung des Columbia River, bei Astoria
Hwy # 101, dieselbe Brücke (sie ist ein paar Kilometer lang)
die Burgerbrater!
Unser 3-Gänge-Menü!

Zu Labour Day erreichen wir die Oregon-Küste. Im RF (https://www.reise-know-how.de/de/produkte/reisefuehrer/kanada-suedwest-usa-nordwest-5719), den ich nur als „exzellent“ bezeichnen kann, ist der gesamte Verlauf der Küste (der Highway #101 folgt ihm) detailliert beschrieben; wo man die besten Campings und die tollsten Aussichtspunkte findet. Ohne diese Hilfe hätten wir das so nicht hinbekommen. Dank dieser Wissensquelle also fahren wir zuerst den Ecola State Park an, wo man 5 $ Eintritt bezahlt, aber das lohnt sich sowas von!

Wahnsinns-Aussichten!
im Bildhintergrund der Tillamook-Leuchtturm
Küste bei Cannon Beach
der Tillamook-Leuchtturm auf seinem einsamen Felsen
Danach halten wir im nahegelegenen, wirklich hübschen (auch für verwöhnte europäische Augen) Ort Cannon Beach und laufen dort lange am Strand entlang. Auch hier wieder sprechen die Fotos für sich.
Cannon Beach
Cannon Beach
Cannon Beach, netter Vorgarten
Cannon Beach

Cannon Beach
Cannon Beach
Cannon Beach
Cannon Beach
Cannon Beach

leckeres (und sehr teures!) Seafood

Übernachtet wird in einem der unzähligen State Parks, die es an dieser Küste gibt – praktisch direkt am Strand.
der Strand zum Campingplatz
ja, der auch noch
das Ganze in Panorama-Version 
man braucht nicht immer teures Equipment! Selbstgebastelter Anhänger
In Oregon gibt es eine Besonderheit: die Strände sind komplett und gratis für jedermann frei zugänglich. Dies hat 1913 der damalige Gouverneur in die Verfassung Oregons aufnehmen lassen. Das heißt, das man zwar ein Privathaus in erster Reihe am Strand haben kann, dieser selbst kann jedoch nicht Privateigentum sein. Sehr weise, sehr klug! In Kalifornien ist es anders, der Strand in Malibu zB ist kaum zugänglich für Nicht-Anwohner.

Am nächsten Tag ist es überall merklich leerer; ahh!, wie schön. Es ist etwas bewölkter als am Vortag und wir fahren weiter die Küste entlang nach Süden. Besonders beeindrucken uns einige Felsformationen an der Steilküste. Vom Ufer aus können wir eine Gruppe Wale beobachten, um sie zu fotografieren fehlt uns aber ein wirklich starkes Teleobjektiv.





die amerikanische Version der Fischerkneipe - war gut!
Tag 3 bringt den schönen alten Heceta-Leuchtturm, eine tolle Brücke bei North Bend und am Nachmittag die Seehundfelsen bei Coos Bay. Auch sie sind zu weit weg, um „Porträtfotos“ zu machen; zu überhören und zu überriechen sind die Kolonien keinesfalls. Seehunde, Seelöwen, Robben etc sind laut und „reden“ permanent miteinander. Und sie stinken, obwohl sie doch immer im Wasser sind!?
bei auflaufendem Wasser sind die Wellen sehr respekteinflößend

Heceta Lighthouse

im Hintergrund das Kap mit dem Heceta-Leuchtturm
Drehbrücke bei North Bend

Küste bei North Bend, das Helle im linken Bildhintergrund sind riesige Sanddünen
Seehund- und Seelöwen-Kolonien auf den Felsen
und ein weiterer dekorativer Leuchtturm

Bis zur kalifornischen Grenze sind es noch gut 100 km. Da wir ja aber noch (eilig, wegen des bevorstehenden Wintereinbruchs in den Rockies) in den Yellowstone wollen und der im Osten liegt, einigen wir uns ein wenig zäh darauf, die Küstenfahrt kurz hinter Bandon abzubrechen und nun die knapp 2000 km bis Yellowstone hinter uns zu bringen.

Kurz nach der Abfahrt habe ich mal wieder Pech: beim Möhrenessen bricht mir ein Backenzahn ab. Er war xmal saniert und überkront und mein Zahnarzt hatte schon prophezeit, das der irgendwann mal brechen könnte. Aber ausgerechnet hier! Der verbliebene Stummel ist so kurz, dass er innerhalb des Zahnfleischs steckt – für ein Jahr oder länger kann das so nicht bleiben. Mit Glück und Zufall finden wir in dem winzigen Örtchen Winston in Zentralidaho einen äußerst freundlichen Zahnarzt, der seine Mittagspause opfert, um mir den Restzahn zu ziehen. Mit Betäubung natürlich, und vorher röntgen; die Behandlung ist sehr ähnlich wie in D. [Im Gegensatz zu Kanada, wo ich ja in Ottawa schon mal das Vergnügen hatte – da war mir aber nur eine Krone abgefallen.] Der Spaß kostet rund 300 $. Meine Versicherung wird sich freuen! Als Schmerzmittel krieg ich gleich mal ein Opioid verschrieben, sozusagen der Beweis für die "Opioidkrise", siehe Link. https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/suchtmedizin-ein-land-unter-drogen-1.3723553. Ich habe das Zeug nicht genommen!
Leider ist die Geschichte damit nicht ausgestanden: 2 Tage später hat sich alles entzündet und ich fange an, mich allgemein mies zu fühlen. Praktischerweise ist dies Samstag Abend in der Kleinstadt Twin Falls. Am Sonntag darauf suchen wir dort nach einer zahnärztlichen Notfallpraxis, gibt’s aber nicht; und landen dann in der Notaufnahme (ER) des St. Luke Krankenhauses. Mann, Mann, hätte ich doch nur mehr amerikanische Serien geguckt! Es ist nämlich in Wirklichkeit genauso wie im Film: alle supernett, ich mit den Nerven am Ende.... immerhin ist es nicht sehr voll und wir müssen nicht lange warten. Auch das Krankenhaus-Nachthemd bleibt mir erspart, nicht jedoch der endlose bürokratische Fragenkatalog (das ist ja bei uns inzwischen genauso). Ich lerne einige interessante neue Vokabeln, schlage mich sonst aber verständigungstechnisch sehr wacker. Enttäuschenderweise sieht der behandelnde Arzt nicht wie George Clooney aus, ist aber trotzdem nett und hoffentlich kompetent. Er reinigt die Wunde ein wenig, und dann gibt’s Antibiotika – was soll er auch weiter tun. Als deutsche Touristin bin ich da auch Exot und bringe sicherlich ein bißchen Abwechslung in den ER-Alltag. Nun schlucke ich die Antibiotika brav, es ist schon besser.


Wegen dieser Geschichte verzögert sich unsere Weiterreise, aber Stand heute (10.9.) ist das nicht so schlimm, weil im Yellowstone einige Tage lang „Scheußelwetter“ war (Dauerregen und a..kalt) und es ab übermorgen wieder besser sein soll.

Blauhäher
glasklare Bäche mit Wasserpflanzen